Das Glückskind

Ein Mini Science Fiction von Heike Henzmann

Ich höre sie seufzen, während ich die Sonne geniesse. Und schreien. Ich sehe sie durch die getönten Gläser meiner Sonnenbrille an mir vorbei hetzen– Kommunikationshelm auf, die Finger in den Datenhandschuhen sich unruhig, fast hastig hin und her bewegend. Sie bewegen sich als würden sie zeigen, schreiben, tippen, nur alles in der Luft. Das sind die Läufer. Spindeldürr mit meist mächtig hervorstehenden Rippen. Die bewegen sich zum kommunizieren. 

Heute sitzen sogar die Michelin-Menschen auf den Bänken. Die sieht man nur bei schönem Wetter. Seit Stunden schon blockieren sie die wenigen Bänke am See, jeweils einer pro Bank, in xxl Handschuhen gestikulierend und mit rollenden Augen unter riesigen IT Visieren. Michelin-Menschen. Keine Ahnung, woher der Name kommt, aber ich finde ihn lustig. Und lache kurz bei dem Gedanken auf. Lachen ist selten. Kein Mensch lacht. Ausser mir. Ich habe ja auch allen Grund zum Lachen.

Ich bin ein Glückskind. Wobei Kind vermutlich nicht die richtige Bezeichnung für eine Person meines Alters ist. Wenn ich kein Glückskind wäre, dann wäre ich zu diesem Zeitpunkt, wo ich hier in der Sonne liegend das Leben geniesse, ich wäre bereits so lange tot, dass nicht mal mehr mein Skelett überdauert hätte. Genau genommen bin ich in der Erstausführung von damals ja auch schon gar nicht mehr vorhanden. Meine Organe, meine Gliedmassen, an mir ist alles mindestens schon einmal ausgewechselt. Nicht nur bei mir. Selbstverständlich stehen diese Ersetz-Massnahmen heute dank nanobiologisch hergestellten Implantaten allen Menschen zur Verfügung, was zu stark erhöhter Lebenserwartung führt und dazu, dass Grufties wie ich aussehen wie Spätpubertierende.

Ich bin ein Glückskind. Und das nur aufgrund eines perfekten Timings. Das nicht in meiner Hand lag. Jedenfalls nicht ausschliesslich. Ich musste meinen Dienst quittieren, gerade als der Hype mit der Impantiererei losging - vor etwa 480 Jahren. Mein Vorgesetzter nannte das Frühpensionierung. Doch das Wort hört sich noch schlimmer an als Dienst quittieren. Nur weil ich das reguläre Pensionsalter noch nicht erreicht hatte, war ich zwar schon im Ruhestand, aber noch nicht zu alt für ein Erstimplantat. Ich feierte wenige Tage vor der Quittierung meinen 63. Geburtstag. Und wenige Wochen später war es erstmals möglich, sich rund-erneuern zu lassen – wenn man noch nicht das Pensionsalter von 64 Jahren erreicht hatte. Denn ein Alter von 64 war die Obergrenze für Erstimplantierte. Nicht dass das medizinische Gründe gehabt hätte. Rentner waren aus rein finanzpolitischen Gründen ausgenommen. Man stelle sich vor, die damals bedenklich hohe Anzahl Rentner hätte sich runderneuern lassen und anschliessend eine hohe dreistellige Lebenserwartung gehabt. Für Pensionskassen und den Staatssäckel wären die Auswirkungen katastrophal gewesen.

Am Tag meiner Erstplantierung hab ich erst mal eine Flasche Sekt aufgemacht. Vor mir lagen hunderte von Jahren, in denen ich fit und gesund und dazu auch noch finanziell versorgt war. Die wenigen Menschen, die das gleiche Privileg genossen wie ich, werden immer weniger. Einige starben bei Unfällen, andere bei Ops. Wobei ich meine Zweifel habe, ob so ein Pensionärstod immer mit rechten Dingen zugeht.

Der neueste Schrei der Nanobiologen ist der Repro-Schwarm. Der macht Ops überflüssig, weil er den Körper permanent von innen rekonstruiert. Ich bekam meinen Schwarm gestern intravenös verabreicht. Eigentlich wären meine Augen zum Implantieren dran gewesen, aber ich sehe heute schon mit den alten deutlich besser als am Vortag. Die Schwarm-Jungs scheinen ihren Job zu machen.

Mit einem Schwarm inside steigt die Lebenserwartung – physische Gewaltanwendung ausgenommen - praktisch ins Unendliche.

Das reguläre Rentenalter beträgt inzwischen 555 Jahre. Mit Spannung habe ich verfolgt, ob entsprechend der erweiterten Lebenserwartung mit der neuen Reproduktionstechnologie, erneut eine Anpassung des Rentenalters einhergeht. Doch davon ist keine Rede. Warum auch? Das Rentenalter erreicht ja kaum mehr einer. Diesen ständigen Kommunikationsstress kann auf die Dauer auch keiner aushalten. Ich meine, wenn man vor sich rund 530 Jahre Kommunikationsarbeit und -stress hat, dazu unzählige Ops, um den Körper 100 pro leistungsfähig zu halten. Wie eine Aufziehmaus im Hamsterrad. Ich hätte mich auch umgebracht, bei der Aussicht auf so viele Jahre Hamsterrad. Ehrlich. Und das, obwohl mein Hamserrad eines der besseren war. Mein Arbeitsleben als Agentin in München war gar nicht übel, auch wenn ich mich nur noch an weniges genau erinnern kann. Ist ja so lange her, diese aufregende Zeit. Mein letzter und spektakulärster Fall war der Kunstraub in der alten Pinakothek.

„Vulkan überrascht Venus und Mars“.

Das Bild gilt bis heute als verschollen. Ach, ich erinnere mich noch gut daran, wie ich es zum ersten Mal sah. Obwohl ich damals älter war als heute, machte mich das Bild total an. Abstossend und erotisch war sie, die abgebildete Szene. Und unwiderstehlich.

Da ich sozusagen Expertin für Kunstdiebstähle war, liess ich das Ding mitgehen, ohne, dass mir je einer auf die Schliche kam. Bei Nacht und Nebel organisierte ich den Raub und transportierte das nicht ganz kleine Kunstwerk zu mir heim. Noch während der Ermittlungen hängte ich das Bild direkt gegenüber meines Hightech-Regenerations-Wellnessbettes der Marke „Jungbrunnen“ auf, wo es seit 480 Jahren hängt und mich erfreut. Und weil ich den Fall nicht aufklären konnte, kam ich in den Genuss einer vorzeitigen Pensionierung.

Ich sag ja. Ich bin ein Glückskind. 

 

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