P.F.A. Teil 5: Kinder, Kinder

Privatsphäre für Anfänger: Haben auch Kinder das Recht auf eine Privatsphäre? 

Als Erwachsene kann ich täglich selber über meine Privatsphäre entscheiden. Als Erwachsene mit erwachsenen Kindern trage ich dabei nur die Verantwortung für mich selber. Für Menschen, die in unserer modernen Datengesellschaft als Eltern frischgebacken werden, sieht die Lage ganz anders aus. Vernetzte Strampler, Bluetooth-Kinderzahnbürsten, Windelwächter und nun auch noch "sprechende" Barbies sammeln Daten über den werten Nachwuchs und natürlich auch über deren Eltern. Welche Gefahren birgt dies? Und wie wahren Eltern die Privatsphäre ihrer Kinder?

Windeln 2.0

Welche Eltern kennen ihn nicht, den prüfenden Blick auf den Popo des Babys oder Kleinkindes. Und wenn der zu keinem eindeutigen Ergebnis führt, dann muss die Nase zu einer olfaktorische Bestandsaufnahme hinzugezogen werden. Wie wunderbar die Aussichten, dass die Windel von sich aus Alarm schlägt, wenn sie gut gefüllt ist.

Welche Daten könnten mit Windeln gesammelt werden? Nun, zunächst einmal über das Baby: Hat es normalen Stuhlgang, Durchfall oder Verstopfung? Regelmässig oder nur sporadisch? Es könnte bewertet werden: Genügend Stuhlgang? Genügend Urin? Und es könnten Rückschlüsse gezogen werden: Liegt vielleicht eine Erkrankung vor? 

Doch nun zu den Eltern: Wie lange dauert es, bis die Eltern die alarmschlingende Windel auswechseln? Dauert es zu lange (Achtung: Gefahr der Vernachlässigung!) oder lassen sie alles Stehen und lieben um den Nachwuchs unmittelbar aus seiner unangenehmen Situation zu befreien (Achtung: Gefahr der Überbehütung!)? Gehen die Eltern zum Arzt, wenn Anzeichen einer Erkrankung vorliegen? Zu früh? Oder warten sie zu lang? Oder gehen sie gar nicht? Geben die Eltern ihren Säuglingen genügend zu trinken? Oder zu viel? Isst der oder die Kleine zu viel? Oder zu wenig? 

Aus all dem liesse sich ableiten, ob eine Schutzbehörde in Erscheinung treten muss. Gut, wenn es sich tatsächlich um problematische Familienverhältnisse handelt. Aber wollen wir künftig solche Beurteilungen Algorithmen überlassen?

 

Strampler 2.0

Haus und Kind praktisch auf dem Handy managen - Hurra! Die Vorteile eines Babyapps liegen auf der Hand: Plötzlicher Kindestod könnte praktisch ausgeschlossen, der Radius der Eltern während des Schlafes der Kinder vergrössert werden. Ein Blick aufs Smartphone würde zeigen, wies dem Kind geht - Aufstehen und im Kinderzimmer nachschauen wäre gar nicht mehr nötig. Doch stellen wir uns vor, ein Babyapp meldet: Kind ist aufgewacht in Bauchlage und schreit. Nun wäre eine Entscheidung nötig: Kind sofort beruhigen? Aufnehmen? Oder ruhig ein paar Minuten warten? Und neu die Sorge: Wie interpretiert die App meine Reaktion? Leitet es eine Überbehütung ab, wenn ich zu schnell zu meinem Kindlein eile? Oder eine Vernachlässigung, wenn dieses ein paar Minuten warten muss? Vielleicht sollte man die Empfehlungen des Apps beziehen, dann kann ganz sicher kein Fehlverhalten vorgeworfen werden. "Kind aufgewacht, Bauchlage, schreit. Warten Sie auf die Push Meldung Ihrer Babyapp, bevor Sie eine Handlung vornehmen" 

Fassen wir zusammen: In 30 Jahren kann kein Mensch mehr Karten lesen, Auto fahren und Kinder erziehen.

 

Hello Barbie 

Die lieben Kleinkinder werden zu Kindergartenkindern, ohne Strampler und ohne Windeln. Und für ein eigenes Smartphone sind sie zu klein - sie können ja noch nicht lesen. Oh jeh, was nun? Die lieben Kleinen völlig unüberwacht lassen?

Diese gefährliche und unverantwortliche Überwachungslücke schliesst die neue Hello Barbie, die sprechende Barbie. Doch das Barbie spricht, ist nicht das Erwähnenswerte. Viel wichtiger erscheint, dass Hello Barbie zuhört, was die Kindlein ihr flüstern. Und dann sendet sie das Gehörte auf einen Server via WLAN. Hier wird die Aufnahme ausgewertet und die passenden Antworten erstellt, die Hello Barbie anschliessend spricht. Hello Barbie hört und spricht nicht nur, sie lernt auch. Laut dem Spracherkennungsspezialisten Toytalk werden keine persönlichen Daten von Kindern ausgewertet und gesammelte Daten werden nicht für Werbezwecke verwendet. Ein Schelm, wer daran zweifelt. 

 

FB, Instagram und Co.

 

Hinreichend diskutiert wurde ja bereits, dass Eltern über die Überwachungstools hinaus gerne Fotos ihrer lieben Kleinen im Facebook oder auf Instagramm posten. Hier daher nur ein Appell an die Eltern: 

Zurückhaltung üben und den Kindern, die irgendwann erwachsen werden, die Möglichkeit geben, selber über den Grad ihrer Privatsphäre entscheiden zu können.

 

 

 

 


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