Vreni und Reto: Big Data

Noch nicht lange ist es her, dass Reto zum Entwicklungsleiter befördert wurde. Jeden Freitag besucht er Vreni, seine Mutter. Und jeden Freitag versucht er aufs Neue, ihr zu erklären, womit er sich die vergangenen fünf Arbeitstage so beschäftigt hat.

 

Eine Kolumne von Anna Veen.

 

 

 

 

 

 

 

„Und mein Junge, was gibts Neues im G'schäft?“

„Ich hab ein neues Projekt, Vreni. Grosse Sache. Ein Big Data Projekt."

„Big Data, Big Data... hab ich schon mal gehört."

"Da gehts um gigantische Datenmengen, und wie man die gewinnbringend verwendet.“

"Ah, Big Data. Da hat doch der Dingda aus dem Fernsehen neulich drüber gesprochen. Du weisst schon, der, der die Sendung macht.“


„Der welche Sendung macht?“

„Na die Sendung am Sonntag. Sonntag nach dem Mittagessen. Ganz interessante Themen hat der. So ein grosser, immer adrett angezogen. Ganz interessante Themen.“

„Ist auch egal. Hauptsache du weisst jetzt, was das ist, Big Data.“

„Ach Junge, ich versteh nichts von so neumodischen Sachen. Aber die Frau in der Sendung mit dem Dings, die hat gesagt, dass das gefährlich ist, das Big Data. Sehr gefährlich. Dass du mir gut aufpasst, Junge.“

„So ein Quatsch, gefährlich. Big data macht dein Leben kompfortabel und sicher, Vreni. Stell dir mal mal vor, der Stuhl da, in dem du sitzt, misst deinen Blutdruck, deinen Blutzucker und ob du Fieber hast. Oder ob du zugenommen hast.“

„Ob ich zugenommen habe? Findest du, ich bin zu dick?“

„Ach Vreni, aber darum gehts doch nicht. Du könntest auch ein Lifestyle-Gadget tragen, das überwacht, ob du dich genug bewegst. Und das Alarm schlägt, wenn du stürzt. Oder in der Nacht könnte dein Duvet messen,  ob du stark schwitzt. Und all die Messwerte werden als „Vrenis' big data“ über dein TV zu deinem Doc geschickt. Und der weiss dann genau, wann du Hilfe brauchst.“

„Aber ich will nicht, dass Dr. Gruber sieht, wieviel ich wiege. Und ob ich nachts geschwitzt habe. Soweit kommts noch. Jesses, dann wache ich morgens auf, bin verschwitzt und muss als erstes daran denken, dass Dr. Gruber eine Nachricht bekommen hat, dass Vreni Ruesch in der Nacht stark geschwitzt hat. Und einen Termin bekomme ich bei ihm auch nicht mehr, weil er den ganzen Tag gucken muss, wer wieviel zugenommen hat. Und wer wieder mal geschwitzt hat in der Nacht.“

„Das macht der Doc nicht selber, sondern sein PC. Und je mehr Datas der von Dir verarbeiten kann, desto besser weiss er, wie es um dich steht. Und nur wenn es Probleme gibt, dann meldet er sich beim Arzt. Und der meldet sich dann bei Dir. Und das Beste: du musst dazu gar nicht in seine Praxis.“

„Ach, ich muss nicht mehr in die Praxis? Kommt Dr. Gruber dann zu mir, wenn was nicht gut ist?Aber doch hoffentlich nicht unangemeldet. Also wenn Dr. Gruber unangemeldet käme, weil ich zugenommen und geschwitzt habe, das wäre mir nicht recht. Gar nicht recht wär mir das.“

„Nein, nicht Dr. Gruber. Ein moderner Arzt mit smarter Praxiseinrichtung. Und der kommt auch nicht, der redet über den Fernseher mit dir. Verschreibt dir eine Rosskur oder erklärt dir, wenn du was mit deinen Insulinspritzen ändern musst.“

„Nicht Dr. Gruber? Ich geh aber gerne zu Dr. Gruber, der ist jetzt schon 20 Jahre mein Hausarzt. Was wird der denn denken, wenn ich nicht mehr zu ihm komme. Und wenn er mich fragt? Soll ich dann sagen, dass ich mich lieber von so einem smarten Fernseharzt untersuchen lasse?“

„Das ist ja nur ein Beispiel, Mama. Big Data eröffnet noch tausend andere Posibilities. In dem neuen Projekt zum Beispiel, da sammeln die Office PC Daten vom Staff im Unternehmen. Nicht nur was sie eingeben, sondern auch, wie lange sie arbeiten, ob sie die vorgeschriebenen Pausen einhalten, wie ihr Time Management ist. Sogar ob sie „stressed“ sind, das geht ganz einfach über die Console und die webcam.“

„Ach, der Computer kann messen, ob einer gestresst ist? Und wenn er gemessen hat, dass sich einer voll einsetzt und rumstresst, bekommt er dann eine Gehaltserhöhung?“

„Der Staff darf sich schon voll einsetzen. Aber sich stressen lassen, ne, das ist nicht gut. Gar nicht gut. Eine gute Work Life Balance bei maximaler Leistung, das ist es, was heute zählt.“

„Was macht man, wenn einer doch gestresst ist? “

„Dann organisiert man Unterstützung oder gibt ihm weniger grosse Arbeitspakete.“

„Ach das ist jetzt aber schön, dass man den Mitarbeiter unterstützt. ... ach, das ist schön, ja. ... aber ist ihm das nicht peinlich? Dass er Unterstützung braucht? Also, mir wäre das peinlich.“

„Nun ja, bei dem einen oder anderen wird man sich schon fragen, ob er den richtigen Job hat. Ist im Grunde genommen aber vorteilhaft für den Mitarbeiter, denn er bleibt gesund und fit.“

„So fit und gesund, dass er steinalt wird, was? Und dann lebt er glücklich und zufrieden in einem Altersheim mit einen Stuhl, der sein Gewicht überwacht und mit einem Schwitz Duvet.“ Vreni kicherte kurz, doch schnell wurde sie wieder ernst. „Ach Junge, ich wär ja froh, wenn du recht hast. Und ich mir keine Sorgen machen müsste.“

„Nein, wirklich nicht, Vreni. The future is bright with Big data. Und sicher.“

„Wie schön. Denn ehrlich gesagt, mein Junge, seit du Chef bist, wirkst du oft so gestresst. Aber wenn ich weiss, dass dein Computer ein Auge drauf hat, dann bin ich ganz beruhigt.“
*
Als Reto am darauffolgenden Montag an seinen Arbeitsplatz trat, klebte er als erstes seine Webcam zu und packte sein Handy in die NF und HF Abschirmhülle, die er sich am Wochenende gekauft hatte. Dann packte er seine funkelnagelneue Papieragenda auf den Schreibtisch und nahm Notizpapier und Bleistift zur Hand, um seinen Tag zu planen.

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